in holland, dein echo
am strand vor der düne
die stimme ausgebrannt
im sandsturm aufgelöst
so wie du
am samstag, im schatten
zu scherben zerfallen,
am abend im mühlwerk dann
knirschender sand und tang
ein schmutziges wolkenband
und wind
das tier im gebirge
sucht heiser nach beute,
auch hier in der ferne
fletscht es seine zähne
es hat deine züge
und meinen gang
es kennt meine träume,
es greift mich ganz zärtlich an,
»du hast mich verraten,
du hast dich vergessen
und leugnest jede schuld daran?«
Wie ein Bösewicht sitze ich in der Bibliothek und atme die Luft am Boden des lichten Raums. Eine hohe Decke, Pfeiler stützen ein Blasen werfendes Dach aus gefasertem Beton. Eine Stimmung gibt es nicht, das Licht zeigt herunter auf die Tische, es beugt meinen Kopf, ein Gewicht legt sich auf meine Nackenwirbel: ein Schal. Ich befinde mich in einer Kaserne. Ich bin freiwillig hier, niemand hat mich kaserniert. Mein Hiersein erfüllt keine Zweck, ich hintergehe die Funktion der Bibliothek - man merkt es daran, dass ich darüber nachdenke, dass ich in dieser Kaserne nach Figuren suche, die einen Körper, eine Geschichte und eine Stimme haben: ein Gesicht. Die Bücher interessieren mich nicht. Die niedrigen Regale bedeuten nichts, das Gebäude ist viel zu groß, die Decke viel zu hoch, als dass es hier um Bücher gehen könnte. Also blicke ich mich laufend um, als wäre mein Aufenthalt in Wirklichkeit geheim. Ich versuche in mich zu gehen, doch beim Gedanken an meine Schädeldecke breche ich durch sie hindurch - wieder in den Raum.
Der Teppichboden hat die Farbe von altem Fleisch und eine Textur wie die Innenseite von Leder. Ich blicke mich zu oft um und verdächtige mich selbst des Verdächtigseins. Ich wälze keine Bücher, der Tastenanschlag meines Computers bringt das Wasser in meiner Flasche zum Schwingen, ich beobachte es sehr genau. Kleine Blasen, Magma aus den Kammern der Erde. Ausgestellt sitzen die Menschen an den Tischen, die ihnen die Stiftung des preußischen Kulturbesitzes bereitgestellt hat. Kürzlich wurde die obligatorische Nutzungsgebühr erlassen und nun sind auch wir im Besitz dieser Stiftung, als Exponate. Seltsam, denn ich bin plötzlich wie ausgeliefert und sehe mich schon selbst mit Backenbart, mit spitzem Helm und Epauletten am Ende einer Kette aus Gewalt, die oft genug bewiesen hat, dass sie das Zeug hat ganze Kontinente in Schutt und Asche zu legen – ich möchte schon aufstehen und… aber überall sitzen zischende Bibliotheksaufseherinnen und ich bin ja bereits verdächtig genug: das Maß ist bald voll. Ich sehe an mir herunter, harte Hände wachsen aus einem schwarzen Pullover heraus. Die Kultur, die Preußen jetzt besitzt ist schwach. Ich diktiere nichts, ich habe keinen Adjutanten oder Attaché. Ich unterzeichne keine Befehle. Ich schreibe nur, um die Wärme der Laptoptastatur mit meinen Händen aufzusaugen. Meine Hände als kleine Salamander im Garten, die schwerelos über die warmen Steine einer Mauer in der Mittagssonne rasen.
An meinem Gürtel ist kein Degen angebracht. Ich denke kaum an andere Länder, ich möchte nirgendwo einmarschieren und niemanden bestehlen. Ich möchte die Sachen der Anderen nicht in Museen sammeln und ich möchte sie auch nicht in gut beleuchteten Vitrinen ausstellen. Ich möchte niemanden verschleppen. Ich möchte das Andere zwar katalogisieren, aber nur solange das Andere und ich unter der selben Anschrift zu finden sind. Ich denke mir andere Länder aus, soviel ist wahr. Ich denke mir Amerika aus und Indien, ich denke mir das Weltall aus, als wäre es ein Land, doch ich reise nicht, sondern benutze nur Ferngläser und Teleskope. Ich bleibe an Ort und Stelle und werde dennoch nicht dick. Ich kenne meinen Platz. An Klaustrophobie leide ich nicht, die Enge meiner Wände Zuhause beruhigt mich und ich wünschte die Dimensionen meines Körpers wären mir ähnlich genau bekannt. Ein paar Meter als Quadrat, ein paar Meter im Kubik. Hier endet, dort beginnt. Du und ich.
Das Innere von Gebäuden beruhigt mich, doch ihr Äußeres erschreckt mich. Ihre Höhe macht mich nervös, doch ihre Tiefe ist wie ein Bett, in das man sich legen kann, wenn man friert. Die Textur von Steinen lenkt mich auf angenehme Weise ab, wie Holz es tut oder Haut. Glatte Oberflächen erinnern mich an mich selbst und ich werde unruhig. Ärger wird es, wenn sie spiegeln. Der Sinn von Glas erschließt sich mir nur bis Sonnenuntergang, der von Stahl fast nie.
Ich vermute die eigentlichen Bücher befinden sich in einem verborgenen Raum unter der Bibliothek, wo sie sicher sind vor Wasser und Licht und der Gewalt unachtsamer Hände. Einen Besitz muss man gut bewachen, das haben die großen Einbrüche der letzten Zeit gezeigt. In einem sanften Moment denke ich mich selbst als Teil eines Juwelenamuletts und dann sehe ich keine Menschen mehr an ihren Computern um mich herum, sondern Smaragde und Safire und Broschen aus glänzendem Metall, die einmal ein Goldschmied in die Form eines Menschen gebracht hat, und jetzt sind wir hier alle in diesem Gewölbe und ein Wachmann kontrolliert unten die Eingänge, damit nichts verloren geht, damit nichts verschwinden kann, wie damals bei Salinger ein Wächter in einem Feld aus Roggen.
Eugene stand am offenen Kofferraum seines Camrys und stapelte Seifenbarren in ausgebeulte Kartons. Die übrigen Autos auf dem Parkplatz des Ravenwood Motels waren verlassen, bei einigen hatte man die Reifen durch Ziegelsteine ersetzt, bei anderen waren die Scheiben eingeschlagen worden, um ins Innere zu gelangen. Später hatten sich Tiere ihre Nester auf den Vordersitzen eingerichtet, doch auch sie waren längst verschwunden und über den Parkplatz ging ein leerer Wind. Als Attraktion stand ein hölzerner Leuchtturm neben der Ausfahrt und manchmal hielten Leute an, um ein Foto zu machen. Eugene klappte das dreiteilige Schild zusammen, das auf dem Dach des Camrys stand und seine Seife anpries, handgemachte, gute Seife aus einem Familienbetrieb, den sein Vater Ende der 40er Jahre gegründet hatte.
Familie und Sauberkeit, das hatte einen Nerv getroffen und in Seifenbarren gegossen hatte es genug eingebracht, um sich einigermaßen komfortabel einzurichten. „Gab nicht viel, aber sind immer sauber gewesen“, hatte seine Mutter gerne gesagt und irgendwann hatten sie sogar ein paar Mitarbeiter einstellen können, die die Herstellung der Seife übernahmen. Es waren nun nicht mehr die Hände seiner Eltern, die von der Lauge trocken und rissig wurden, doch es waren Hände und so behielt das Schild weiterhin seine Gültigkeit.
Als Eugenes Vater ankündigte, sich aus dem Geschäft zurückziehen zu wollen, gab es keine Diskussion darum, wer es übernehmen würde. Eugene hatte sowohl das Seifemachen, als auch den Vertrieb von der Pike auf gelernt. Er liebte den Geruch von Bergamotte. Das Öl importierten seine Eltern direkt aus Italien. Einen Sommer waren sie nach Kalabrien geflogen und hatten sich verschiedene Plantagen angeguckt und abends war Eugene durch die Orangenhaine gestrichen und enttäuscht gewesen, wie unförmig und verschrumpelt die Früchte waren, die an den strauchartigen Bäumen hingen. Er hatte sie sich groß und rund und orange vorgestellt, prall und triefend vor Öl und dem Geruch seiner Kindheit.
Er war überall: im Haus und in der angeschlossenen Garage, natürlich in ihrem Country Squire, den sein Vater liebevoll ihre „Kutsche“ nannte, dann auch in den Kleidern seiner Mutter und den Hemden seines Vaters, in ihren Haaren und in seinen, im Fell der verschiedenen Haustiere, die sie besessen hatten, Hunde, Katzen, aber auch im Wasser des Aquariums im Wohnzimmer, was die Fische nicht lange ertrugen, doch noch weniger konnten die Eltern den Geruch der Abfälle ertragen, also rochen auch die Mülleimer und Tonnen nach Bergamotte, die Teppiche im kleinen Obergeschoss des Hauses, natürlich das Briefpapier der Firma – die einzige Werbung, die es brauchte – und auf der Beerdigung seines Vaters dann die Sargträger und Gäste und um ein Haar auch der Pastor. Alle weinten, nur Eugene und seine Mutter weinten nicht, denn ihre Taschentücher rochen fruchtig, fruchtig und herb nach dem Duft der sauren Orange.
Manchmal fragte sich Eugene, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, hätte er seinem Vater damals eine Absage erteilt. Doch so sehr er es auch versuchte, es wollte sich kein klares Bild ergeben. Das Geschäft mit der Seife war ebenso ein Teil der Familie wie er selbst und die Seife war wiederum ein Teil von ihm. Und wie sein Vater liebte auch Eugene die Highways im pazifischen Nordwesten, diese einsamen Routen, die das Land wie Besenreiser durchzogen, die in den Städten und Dörfern als Hauptstraßen an der Oberfläche lagen, wenig später dann wieder tief in der fleischlichen Landschaft versanken, im Süden begrenzt durch die Ahnung der großen Städte, San Francsisco und der Bay und weiter oben in Oregon durch dichte Wälder aus Redwoods, die einem solange den Blick auf den Pazifik versperrten, bis man mit beiden Beinen darin stand. Das Verkaufen der Seife hatte sich Eugenes Vater nie nehmen lassen. Wo er halten konnte, hielt er und sie bauten ihren Stand auf. Parkplätze, Raststätten, State und County Fairs, wo Landwirte ihr Vieh und ihren Käse zeigten und lokale Musiker ihre Lieder sangen, vor Kirchen und Einkaufszentren, an Feiertagen und an den aufgestauten Ampeln großer Kreuzungen zur Rush-Hour. Alle waren schmutzig und alle wollten sauber sein. In blütenweiße Hemden gekleidet sollte niemand seine Unschuld an den Schweißgeruch verlieren, so wie die Langhaarigen, die in immer größer werdenden Karawanen durchs Land zogen und „die Luft verpesteten“, wie Eugenes Vater bei jeder sich bietenden Gelegenheit feststellte.
Bei der Beerdigung seiner Mutter einige Jahre später, hatte Eugene eine Bestatterin engagiert, die sich um alles kümmern sollte. Sie verschickte vorgefertigte Einladungsschreiben und bereitete alles so vor, wie man es bei einem solchen Anlass vorzubereiten hatte. Am Tag der Beerdigung regnete es.
„Das Wetter hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagte die Frau und sie sagte es so, als wäre es ihre Schuld, dass statt der Streicher die Musik nun vom Band kommen musste. Doch Eugene hörte nichts, denn die Trauergäste hatten ihre eigenes Parfüm aufgelegt und beim Absenken des Sargs heulte er wie ein junger Hund.
***
„Dann bleibt doch dreckig“, sagte Eugene, als gäbe es jemanden, bei dem er sich beschweren, den er verantwortlich machen konnte für all das, was er sich in den ärgsten Momenten nur selbst vorwarf. Doch niemand war dort. Eine Hälfte der Laternen auf dem Parkplatz flackerte, die andere war seit langem erloschen. Eugene schlug den Kofferraum zu, setzte sich ans Steuer und stellte den Schalthebel auf Drive.
„Verdammte Scheiße“, sagte er.
„Verdammt nochmal.“
In Fortuna würde es besser laufen, bestimmt würde es besser laufen, denn je näher man San Francisco kam, desto mehr Geld gab es zu verdienen. Das hatte schon sein Vater gewusst und das hatte sich in all den Jahren nicht geändert, im Gegenteil. Es würde bald dämmern, also stellte Eugene den Tempomaten auf 45 Meilen die Stunde ein. Der schwere Verkehr wurde über die Interstate 5 abgewickelt, hier auf der Route 101, dem alten Redwood Highway war es ruhig. Es konnte vorkommen, dass man eine halbe Stunde oder länger keinem Gegenverkehr begegnete. Nur selten lauerten hinter den Kreuzungen die Patrol Cars der Polizei und wenn, dann warteten sie nicht auf gebrochene Gesetze, sondern auf ihren Feierabend. In den Bars und Absteigen verrotteten die immer gleichen Typen. Leute die ein paar falsche Abzweigungen genommen hatten und denen es auf teuflische Art und Weise gelungen war, ihre Partner in die Hölle mit hinabzuziehen. Oder junge Mexikaner, die es allen beweisen wollten, denen aber vor jeder Verkehrskontrolle das Blut in den Adern gefror und sie deshalb auf diese längst abgehängte Straße ausgewichen waren, um es allen zu beweisen. Langsam rollte Eugene vom Parkplatz auf die Straße, nahm eine Hand vom Lenkrad und klopfe durch das heruntergelassene Seitenfenster einen trägen Takt auf der Tür.
All my exes live in Texas
And Texas is the place I’d dearly love to be
But all my exes live in Texas
And that’s why I hang my hat in Tennessee
Eugene wusste nicht, ob man mit dem Radio noch einen anderen Sender empfangen konnte, er kannte nicht einen Interpreten aus der Rotation beim Namen, konnte keinem der Lieder einen Titel zuordnen, er wusste nur, dass es die richtige Musik war und dass es auf seinen Fahrten und denen seines Vaters nie anders geklungen hatte. Er betrachtete sich im Rückspiegel. Er schien jünger, als es ihm sein Führerschein bescheinigte. Das Haar hatte mit den Jahren eine grau-melierte Farbe angenommen, aber es war voll und der Ansatz reichte bis in seine Schläfen hinein. Er hatte die Züge seiner Mutter, scharfe Kiefer– und Wangenknochen, eine runde, aufgeriebene Nase, die etwas zu hoch angesetzt war, so dass bis zur Oberlippe ausreichend Platz für einen getrimmten Schnauzbart blieb.
Stetig war es schlechter geworden mit dem Geschäft. Man hatte Eugene gesagt, er solle sich einen professionellen Vertrieb aufbauen, anstatt jedes Jahr selbst tausende Kilometer durchs Land zu fahren. Er sollte Drogeriemärkte beliefern, anstatt sich über sie zu beklagen. Er sollte sich nicht allem verschließen, sein Vater sei doch auch nicht so stur gewesen. Natürlich hatte auch er sich wenig sagen lassen, aber er hatte eben gute von schlechten Ratschlägen unterscheiden können und am Ende meistens Recht behalten. Aber das Geschäft war nun ein anderes, die Zeiten hatten sich geändert und Eugene, so schien es, hatte den Anschluss verpasst.
Die Angestellten gingen als erstes, sie waren schon zu Lebzeiten seines Vaters auf Juan und Anita geschrumpft, die die Seife machten und beinahe schon zur Familie gehört hatten. „Dann mach ich’s eben wieder selbst. Handgemacht, Familienbetrieb, hier steht’s doch ganz groß!“ Er hatte auf das Schild gezeigt, das man in drei Teile zerlegen konnte, damit es mit den Seifenkartons in den Kofferraum passte. Das Gießen der Barren war aber nicht das Problem, das wussten Juan und Anita und das wusste auch er. Vielleicht müsste man die Formel ändern, sagte Juan. Vielleicht ist die Bergamotte aus der Mode, sagte Anita, vielleicht wollten die Leute keine teure Seife aus italienischem Orangenöl mehr, sondern Duschgels, die man morgens bequem aus einer Tube drücken konnte, die man portionieren konnte, die nach etwas rochen, das in der Natur nicht vorkam und deswegen umso begehrenswerter erschien. Quizás, Quizás, Quizás, sagte Eugene, vielleicht, vielleicht, vielleicht.
Vielleicht wollten sie aber auch gar keine Seife mehr benutzen, vielleicht wollten sie lieber nach sich selbst riechen, die Feuchtigkeit ihrer Haut bewahren, um sie so vor dem vorzeitigen Altern zu schützen. Vielleicht war nicht mehr der Schweißgeruch die größte Bedrohung für die Unschuld der weißen Hemden, vielleicht war es jetzt das Alter oder zumindest das Unwiederbringliche der Jugend. Vielleicht ging es nur noch darum, selbst nicht aus der Zeit zu fallen und wie man dabei roch, war ganz egal. Er schaute noch einmal in den Rückspiegel und strich sich durchs Haar. Nein, die Formel würde er nicht ändern. Es war eine gute Formel, es war ein guter Geruch, den die Seife verströmte, wenig Wasser genügte schon und sie schäumte schön, die Verpackung war gut und die einzelnen Barren eingeschlagen in durchsichtiges gewachstes Papier. Und außerdem war Eugene genügsam, das hatte er von seinen Eltern gelernt. Er brauchte nicht viel und er war allein. Das Haus hatte er verloren, kurz nachdem er Juan und Anita verloren hatte und seitdem schlief er eben in seinem Camry. Seine Hände schlossen sich um das Lenkrad und die Körnung des Asphalts vibrierte in seinen Handflächen.
Kurz hinter Klamath ging es über eine schnurgerade Brücke und den gleichnamigen Fluß. Für einen Moment entließen ihn die Redwoods und gaben den Blick frei auf die Cascade Range, eine vulkanische Gebirgskette des pazifischen Feuerrings, die Oregon und Washington als nördliche Verlängerung der San Andreas Verwerfung durchzieht. Eugene verringerte die Geschwindigkeit. Nach der Brücke würde der Highway mitsamt dem letzten bisschen Sonnenlicht wieder von den dichtstehenden Mammutbäumen verschlungen werden und der Camry für mindestens eine Stunde in dieser grünen Dunkelheit versinken. Doch für 45 Meilen die Stunde waren die Gebirgskämme zu schön, dachte Eugene und sah sie hellrosa leuchten im Abendlicht.
Da zeichneten sich plötzlich zwei Schatten auf dem schmalen Seitenstreifen der Brücke ab. Für Fußgänger war das Betreten streng verboten, aber bei Nacht verirrten sich manchmal Tiere auf den Highway, aufgescheucht vom Scheinwerferlicht sprangen sie über das Geländer und ertranken im Fluß oder liefen im letzten Moment auf die Fahrbahn und wurden überrollt. Eugene blendete die Nebelleuchten auf, doch die Schatten wurden nur länger und rührten sich nicht. Er verringerte das Tempo zunächst auf Schrittgeschwindigkeit, dann blieb er stehen. Auf einmal setzte sich einer der Schatten in Bewegung und rannte auf den Camry zu. Eugenes Hand glitt instinktiv auf den Beifahrersitz, unter dem sich eine kurzläufige Schrotflinte befand. Der Schatten trat in die Lichtkegel der Scheinwerfer und da sah Eugene, dass es sich um keinen Bären handelte, sondern um einen jungen Kerl, der sich ihm mit einem Pappschild in der Hand näherte. Er trug eine Funktionsjacke, dunkle Jeans und eine ausgeschaltete Kopflampe auf der Stirn. Eugene nahm wieder beide Hände ans Lenkrad und machte den Motor aus.
„Um die Zeit braucht ihr’s nicht mehr zu versuchen“, sagte er, als der junge Mann seinen Kopf durch das heruntergekurbelte Seitenfenster steckte.
„Nicht, wenn’s schon dunkel ist.“
„Danke, Sir, wir wollen nach Fortuna. Wir haben’s fast geschafft, aber dann hat uns jemand hier im Nichts ausgesetzt.“
Mit seinem Finger machte der Junge ein paar kreisende Bewegungen an seiner Schläfe.
„Wir dachten, wir laufen über die Brücke und finden einen schönen Platz zum Zelten. Ein kleines Abenteuer in den Wäldern. Irgendwann muss ja mal ein Weg da rein führen und sicher führt auch einer wieder raus.“
„Fortuna“, sagte Eugene.
„Aber jetzt sind ja Sie da. Können Sie uns mitnehmen? Es ist nur noch eine knappe Stunde.“
„Fortuna“, wiederholte Eugene und dann sagte er: „Ich fahre bis nach Patrick’s Point.“
„Oh, Patrick’s Point“, sagte der Junge, drehte sich dann in die Richtung, aus der er gekommen war und rief in die Dunkelheit:
„Er fährt bis nach Patrick’s Point!“
„Nach Patrick’s Point?“ kam es heiser zurück.
Der Junge sah ihn erwartungsvoll an.
Es war nicht im eigentlichen Sinn eine einsame Arbeit, dachte Eugene. Zugegeben, das Verkaufen, das schon. Man musste auf Kunden warten, die immer seltener oder überhaupt nicht kamen, so wie auf dem Parkplatz in Klamath. Das Einsame steckte in der Warterei und hatte zum Komplizen die Zeit und manchmal konnte es einem ganz schön Angst und Bange werden, zugegeben. Aber es gab ja auch die Fahrten auf den Highways im Hinterland, wenn man ganz allein seine Ruhe hatte, ganz mit sich war und nur vom Radio sanft daran erinnert wurde, dass es irgendwo noch andere Menschen gab, dass das Weltall nicht in einem selbst zusammenfiel, dass man in Wirklichkeit der Mittelpunkt von überhaupt nichts war, aber es aus rein praktischen Gründen in Ordnung ging, manchmal daran zu glauben. Jetzt hatte er seit drei Tagen mit niemanden mehr gesprochen, zwar viel geflucht, aber mit keinem Menschen ein Wort gewechselt und sein Mund fühlte sich taub und trocken an. Dazu war es beim Anbruch der Nacht manchmal ziemlich arg, also beschloß er zu sagen: „In Ordnung, springt rein“, sagte es und schlug auf die Hupe. Aus dem Dämmerlicht trat der zweite Schatten in den Scheinwerferkegel. Er trug auf jeder Seite einen großen Rucksack und wie zwei Kinderkörper baumelten sie an seinen Armbeugen knapp über dem Asphalt. „Danke, Sir“, sagten beide mehrmals, während sie sich anschnallten.
Der Tempomat erledigte seine Aufgabe tadellos und schnell lag die Brücke hinter ihnen. Es war eine klare Nacht, man hätte gut die Sterne sehen können, aber nichts brach durch das Blätterdach dieses Urwaldes und alles war dunkelgrün und schwarz und trotz der 45 Meilen pro Stunde sehr still. Eugene drehte das Radio leiser.
„Ziemlich riskant, was ihr hier treibt, vor allem im Dunkeln“, sagte er und streckte dem Jungen, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, zuerst seinen Daumen und dann den Rest der Hand entgegen.
„Ich heiße Eugene“, sagte Eugene.
„Ich bin Ray“, sagte der Junge, „und das da hinten ist Tom.“
„Und wie alt seid ihr, Ray und Tom?“
„20“, sagte Ray und Tom sagte „ich auch.“
„Ärger zu Hause?“
„Wie meinen Sie das?“
„Seid ihr abgehauen? Habt ihr Ärger mit euren Eltern? Polizei?“
Beide lachten.
„Ach was, mit unseren Eltern ist alles in Ordnung“, sagte Tom, hob seine Hand zum Schwur und lächelte.
„Außer, dass dein Vater alles vögelt, solange es nicht deine Mutter ist“, sagte Ray.
„Immerhin“, sagte Tom und gab Ray von hinten einen Schlag auf den Oberarm.
„Arschloch“, sagte Ray.
„Seid auch ein bisschen zu alt zum Weglaufen, schätze ich“, sagte Eugene.
„Und Sie? “, fragte Tom von der Rückbank.
Hinter einer Biegung tauchten zwei grelle Scheinwerfer im Gegenverkehr auf und Eugene musste zur Seite sehen, um nicht geblendet zu werden.
„Dass auch Sie zu alt zum Weglaufen sind, sehe ich so“, sagte Tom und grinste
„Schaut euch die an“, sagte Eugene.
Im letzten Moment blendete der Wagen seine Schweinwerfer ab und im Vorbeirauschen hörte man kurz dumpfe Musik, die im Inneren ohrenbetäubend sein musste.
Eine Weile sagte Eugene nichts und dann sagte er: „In meinem Alter hat man sich arrangiert, versteht ihr?“
„Was soll das heißen, man hat sich arrangiert?“, fragte Ray.
„Ihr versteht’s nicht, könnt ihr ja gar nicht, genauso wenig wie ich euch beide… Wär’ ich euer Vater, dann vielleicht, dann hätte ich ja keine andere Wahl und ihr erst recht nicht.“
„Wollen Sie damit sagen, dass man als Vater…“, sagte Tom, doch Ray fuhr ihm ins Wort.
„Mein Vater hat einfach nur länger gelebt als ich. Meine Eltern sitzen in ihrem Haus mit ihrer Kunst, die keinen Menschen interessiert, nichtmal sie selbst, und sagen mir, dass sei sowas wie Selbstverwirklichung, das richtige Leben im Falschen. Und dann erzählen sie mir was von Möglichkeiten. Ich soll doch tun, was ich will, das ganze Blabla, die Welt steht dir offen Ray, die Welt tanzt nach deiner Pfeife, Ray, wenn du nur willst. Wisst ihr was? Ich scheiß’ drauf. Schaut euch die Nachrichten an, lest die Zeitungen, welche Möglichkeiten sollen das sein? Was für eine scheiß Pfeife soll das sein, Dad? Letzte Woche haben sie Bin Laden in seinem Haus in Pakistan umgelegt, hast du das mitbekommen, Eugene? Sie sind mit Helikoptern aus Afghanistan gekommen, haben sich über seinem Anwesen abgeseilt und ein paar Stunden später schwamm Osama in einem Plastiksack im indischen Ozean. Zehn Jahre hat er mit seinen Frauen und Kindern in dem Haus gewohnt, hatte einen Garten mit Gemüsebeet, Internet und 500 Dollar eingenäht in das Futter seines Hemdes, nur für den Fall. Nur für den Fall. Scheiß Amerikanische Dollar, verstehst du? Wie ein Prinz hat er gelebt in seinem Palast am Hindukusch. Das ist die Welt, die nach meiner beschissenen Pfeife tanzen soll?“
„Amen“, sagte Tom.
Natürlich hatte Eugene die Sache mitbekommen. Der Oregonian hatte getitelt: Wie wir Bin Laden erwischt haben und Eugene war mit diesem wir nicht einverstanden gewesen, ohne so Recht zu wissen warum. Sie hatten extra Zeichnungen von Bin Ladens eingemauerter Festung angefertigt und die Punkte markiert, an denen die Black Hawks gelandet waren, mitsamt der Route, die die Spezialeinheiten später bis in Bin Ladens Schlafzimmer geführt hatte. Eugene hatte einen Dollar in den Automaten geschmissen, sich eine Ausgabe genommen und gedacht, dass das alles schon für irgendetwas gut sein würde.
„Aber es waren Euro, Ray“, sagte Tom, „500 Euro waren es.“
„Ist doch scheiß egal“, fuhr Ray fort. „Ich will bloß meinen Teil. Die Pfeife sollen andere pfeifen, mich interessiert’s nicht. Ich tanze nach der Musik, für die sich’s am ehesten lohnt.“
„Klingt ja doch ein bisschen, als hättet ihr einen Grund wegzulaufen“, sagte Eugene.
„Am Arsch. Weglaufen ist es doch nur, wenn man vorhat nicht wieder zurückzukommen. Aber im Herbst gehen Tom und ich zurück ans College. Ich mache meinen Abschluss in Business Administration. Für meine Eltern grenzt das an Verrat.“ Er zog einen Mundwinkel zur Seite und gestikulierte mit seinem Zeigefinger. „Dabei sind es doch sie, die weglaufen und dabei haben sie nicht die geringste Ahnung, wo es hingehen soll. Sie tun lieber so, als wäre alles ein beschissener Herbstspaziergang. Schau dir die Farben an, Peter, das Laub, so schön dieses Jahr, als wäre es nur für uns gefallen. Einfach wunderschön, findest du nicht? Oh ja Nicole, ich liebe es! Nein Mum, das Laub fällt von den Bäumen, weil die Blätter tot sind, verdammt nochmal. Als hätte irgendjemand etwas damit zu tun, ob es im nächsten Jahr neue geben wird oder nicht.“
Eine Weile starrten sie durch die Windschutzscheibe auf den doppelt durchgezogenen Mittelstreifen, der den Highway aufteilte in Leben und Tod. Eine lächerlich geringfügige Barriere, dachte Eugene. Niemand sagte ein Wort. Ray und Tom holten abwechselnd leuchtende Telefone aus ihren Hosentaschen und ließen sie wieder dort verschwinden. Ray zeigte Urlaubsfotos von seiner Freundin. Auf einem posierte sie auf einer Brücke irgendwo in Europa und lächelte.
„Prag“, sagte Ray, „ist ganz nett. Nur gehen einem irgendwann die Bettler auf die Nerven.“ Sie hatte braune lange Haare, machte das Victory-Zeichen und trug einen Pullover ihres Colleges. Auf einem anderen stand sie in kurzen Hosen auf einer felsigen Anhöhe und zeigte in die Tiefe. „Glückwunsch“ sagte Eugene, als wäre Ray der Gewinner einer Lotterie, bei der er selbst leer ausgegangen war. Er wollte etwas sagen, irgendeine in einen Ratschlag verpackte Erklärung abgeben, doch er hatte Angst, dass sie ihm im Halse stecken bleiben könnte, also blieb er still und lenkte den Camry ruhig die gelben Fahrbahnbegrenzungen des Highways entlang. Sie passierten den Humboldt Lagoons State Park, in dem sich das Wasser des Pazifik mit dem einiger kleinerer Gebirgsbäche mischte und jetzt in der Dunkelheit war die Sandbank kaum zu erkennen, die die drei Lagunen vom offenen Meer trennte. Sie passierten eine Baustelle, auf der seit Monaten niemand mehr gearbeitet hatte.
Your tax Dollars at work, las Tom von einem Baustellenschild ab und beide lachten und fluchten und auch Eugene musste lachen, denn das Schild war wirklich komisch.
„Schließt mal für einen Moment eure Augen“, sagte er schließlich, nachdem sie wieder in den Tunnel aus Bäumen eingetaucht waren.
„Was?“, sagte Tom.
„Macht’s einfach, ich tu euch schon nichts, oder glaubt ihr etwa der Wagen lenkt sich von allein?“ Zur Demonstration ließ er kurz das Lenkrad los und der Camry machte einen sanften Schlenker nach links, nach rechts, dann nahm er das Steuer wieder fest in beide Hände. Ray und Tom schlossen die Augen. Er gab ihnen etwas Zeit, damit sie sich an die Innenansicht ihrer Lider gewöhnen konnten.
„Nach was riecht es hier?“, fragte er schließlich.
Ihre Brustkörbe hoben sich stufenweise, als sie behutsam einatmeten.
„Ich rieche nichts“, sagte Tom.
„Schwachsinn, gib dir ein bisschen Mühe“, sagte Eugene.
„Riecht irgendwie… angestaubt“, sagte Ray.
„Angestaubt?“
„Riecht nach meiner Mutter“, sagte Tom.
„Stimmt“, sagte Ray und Tom gab ihm einen weiteren Schlag auf den Oberarm.
„Riecht auch ein bisschen nach Tee“, sagte Ray.
„Tee, nicht schlecht“, erwiderte Eugene, „Was ihr riecht ist Bergamotte, manche sagen auch saure Orange dazu, aber ich sage Bergamotte, denn sie wächst fast ausschließlich in einer schmalen Küstenregion rund um Bergamo, das ist in Italien.“
„Sagen Sie bloß“, sagte Ray ein wenig hämisch.
„Haben Sie vielleicht eine da? Ich könnte was zu essen vertragen“, sagte Tom.
„Sie sehen aus wie unförmige Limetten, etwas weniger rund und gelbgrün, man könnte bestimmt auch Orange dazu sagen, wenn man wollte. Sie schmecken aber nicht besonders, hauptsächlich wird daraus Öl für Parfüms und Seife gemacht.“
Eugene griff unter den Sitz und holte ein Stück Seife hervor.
„Wie diese hier.“
Mit einer Hand packte er den Barren aus und biss ein kleines Stück ab, dann zeigte er seine Zunge hervor und spuckte es aus dem Fenster.
„Wow“, sagte Tom.
„Das ist Seife aus echtem italienischem Bergamottöl. Es sind kleine Schalenstücke enthalten, wie ein natürliches Peeling. Das gibt es nirgendwo sonst, Ehrenwort. Die Formel ist von meinen Eltern, wir machen sie so seit ich klein bin“, sagte Eugene und gab Ray den angebissenen Barren.
„Das Abbeissen ist der einzige Weg, um die Qualität zu prüfen. Die richtige Konsistenz ist wichtig, außerdem darf die Lauge nicht zu stark sein, mit ein bisschen Übung schmeckt man das.“
„Wie bei Olympia“, sagte Tom und imitierte das Abbeißen von einer Goldmedaille. Eugene lachte.
„Zu gewinnen gibts leider nichts mehr. Früher haben wir ganz gut davon leben können, meine Eltern und ich. Damals haben sie uns die Seife richtig aus der Hand gerissen, ihr hättet Augen gemacht, als wären es richtige Barren aus Gold.“
„Sie sind also Geschäftsmann?“, fragte Ray.
„Mein Vater war einer“, antwortete Eugene.
„Ich glaube, sie sollten noch ein bisschen an ihrem Pitch arbeiten“, sagte Tom. „Außerdem wär’s billiger ein künstliches Aroma zu benutzen, das gibt es heute fast für nichts. Sie könnten viel mehr Gewinn machen, wenn Sie die Orangen in Italien lassen würden. Die Schalenstückchen ersetzen Sie einfach durch Mandarinen, das merkt niemand.“
„Und es wäre umweltschonender ohne das ganze CO2, sowas kommt heute nicht mehr gut an“, fügte Ray hinzu.
„Umweltschonender“, wiederholte Eugene.
„Dann beschwert sich auch niemand, wenn Sie die Produktion nach Mexico outsourcen…“
„Ich… outsourcen? Ich glaube ihr versteht mich nicht. Wisst ihr, auf eine Art steckt in dieser Seife mein ganzes Leben, in jedem Barren, meine Familie, meine Mutter, mein Vater und ich, schön komprimiert und in Form gepresst.“
„Wenn Sie meinen“, sagte Tom.
„Heißt aber nicht, dass da nicht noch Luft nach oben ist“, sagte Ray. „Meinen Eltern haben Sie auf jeden Fall was voraus. In ihren Augen sind Typen wie Sie entweder Loser oder gierige Scheißkerle, je nachdem wie es läuft. Am Ende sollen Sie für alles Schlechte in der Welt verantwortlich sein, nur weil Sie kein beschissenes Bild malen, oder Verse aufsagen können.“
Eugene lachte.
„Und was bin ich in deinen Augen?“
„Mir ist es scheißegal, ob Ihre Hände dreckig sind oder nicht. Zeigen Sie mir mal einen Menschen mit sauberen Fingern, mit wirklich sauberen Händen. Daran können auch Sie mit Ihrer Seife nichts ändern, Eugene, tut mir Leid.“
„Spätestens unter den Nägeln hört es auf“, sagte Tom.
Nicht wenn man sie abkaut, dachte Eugene und schloss seine Finger fest um das Lenkrad.
„Ich wollte nie etwas ändern, Ray, ich wollt wie du immer nur meinen Teil. Aber ich wollt’s gut machen, immerhin was gutes wollt’ ich machen, wie meine Eltern, auf ehrliche Weise. Sind immer sauber gewesen und sauber wollte ich auch sein, zumindest hab’ ich’s versucht. Aber wenn man den Dingen nicht zuvorkommt, dann können sie einen ändern und nicht jede Veränderung ist auch automatisch eine gute, verstehst du?“
„Jetzt klingen Sie wirklich wie mein Vater, alter Mann“, sagte Tom.
Er hatte Recht, dachte Eugene. Er wollte sie vor irgendetwas warnen, doch vor was? Er überlegte lange, während der Camry auf die letzte Steigung vor Patrick’s Point zuschoß.
Was, wenn er es selbst war, vor dem er sie warnen wollte? Was, wenn er sie vor alten Männern wie ihm warnen musste, die manchmal Väter waren und manchmal nicht, was sie ohne Zweifel noch gefährlicher machte? Er schämte sich, denn Ray und Tom mussten nicht gewarnt werden, die jungen Leute mussten überhaupt nie vor irgendetwas gewarnt werden, außer den Ratschlägen der Alten. Sie würden neue Fehler begehen, gewiss, sie würden sich irren und vielleicht würden sie alles in den Sand setzen, aber dass sie die alten Fehler wiederholten, das war ausgeschlossen und das hatten Ray und Tom in einem Bruchteil seiner eigenen Lebenszeit schon begriffen.
„Es tut mir Leid, Jungs. Ich möchte eigentlich nur sagen… I-ich möchte euch eigentlich nur viel Glück wünschen, nur Glück, nicht mehr“, sagte Eugene schließlich und fühlte sich älter als seine Eltern je geworden waren.
„Hoffe, es wird ohne gehen“, sagte Tom.
„Das da vorne ist Patrick’s Point, an der Abzweige lasse ich euch raus. Ein paar Schritte zum Wasser hin gibt’s einen Zeltplatz, der Besitzer ist ein alter Freund von mir. Wenn ihr sagt, dass ich euch geschickt habe, bekommt ihr einen guten Deal.“ Er öffnete das Handschuhfach.
„Und Sie?“, fragte Ray.
„Für mich gehts noch ein bisschen weiter heute, vielleicht nach Trinidad, vielleicht Fortuna, da gibt es noch was zu erledigen, eine Sache bei der ich euch nicht gebrauchen kann, tut mir Leid Jungs.“
„Schon gut, Sir“, sagte Tom und stieß seine Tür auf.
„Wartet noch einen Moment“, sagte Eugene und nestelte im Handschuhfach herum.
„Hier bewahre ich ein paar Stücke Seife auf, die mein Vater noch selbst hergestellt hat. Nehmt sie, ich habe genug davon. Und vielleicht kann es hier und da doch nicht schaden sauber zu sein, meint ihr nicht?“
„Danke“, sagte Tom abwesend und ließ das Stück in die Tasche seiner Multifunktionsjacke verschwinden. Ray schaltete seine Kopflampe an und die beiden liefen in die Nacht. Eugene bewegte den Schalthebel auf Drive und rollte langsam los. Im Rückspiegel sah er die beiden feixend ihre Rucksäcke anschnallen. Tom nahm das Stück Seife und warf es nach Ray, der sich geschickt duckte, so dass der weiße Barren in der Dunkelheit verschwand. Sie gingen über die Straße und anstatt in Richtung Ozean liefen sie ohne zu zögern in den Wald. Im Radio lief ein alter Country Song und Eugene schaltete es ab.
Hier bei Patricks Point thronte der 101 hoch über dem Pazifik und war eine bekannte Scenic Route. Bei Tag bedeutete das mehr Verkehr, aber jetzt nach Sonnenuntergang war Eugene ganz allein. Der Highway war nur noch ein paar hundert Meter vom Pazifik entfernt und wenn man an einem der Parkplätze Rast machte, hatte man einen atemberaubenden Blick auf die felsige Küste und den breiten Agate Beach, an dem sich der anderswo so undurchdringliche Wald als nunmehr bloßes Dickicht in den Ozean ergoss. Besonders schön war es am Morgen, wenn sich der Nebel aus den Wäldern senkte, aber auch jetzt bei Nacht konnte man die Weitläufigkeit des Ozeans spüren und sein salziger Geruch schmeckte scharf und brannte angenehm in der Nase.
Etwas unterhalb des 101, direkt an der Bruchkante der Klippe lag der Patrick’s Point Drive und schlängelte sich die Küstenlinie bis nach Trinidad entlang. Eine einzelne Baumreihe trennte ihn noch vom Ozean und selbst die war an einigen Stellen zugunsten einer Stromleitung durchbrochen. Der Straßenbelag war über weite Strecken aufgerissen, die Witterung hatte den darunter liegenden Schotter freigelegt, weshalb sein Vater und er bei ihren Touren meist den asphaltieren 101 weiter oben genommen hatten. „Ist zu gefährlich, das Risiko nicht wert“, hatte sein Vater gesagt und Eugene war immer etwas enttäuscht gewesen, dass sich sein Vater von einer harmlosen Schotterpiste derart beeindrucken ließ. Aber sie hatten seiner Mutter versprochen vorsichtig zu sein und Eugene verstand wie wichtig es war, nicht nur sich selbst, sondern auch den Country Squire heil nach Hause zu bringen, ihre Kutsche.
Wie automatisch nahm Eugene jetzt die Abzweigung am Ortsende und ließ den 101 links liegen. Er schaltete den Tempomaten ab und kurbelte das Fenster hoch. Vielleicht war es nicht der Duft der Bergamotte, und auch nicht die Angst vor dem Altern, dachte er, vielleicht war es die Familie. Vielleicht wollten sich die Leute nicht weiter für dumm verkaufen lassen und schon gar nicht von ihm, der ja auch einmal Teil einer Familie gewesen war. Er dachte an sein dreigeteiltes Schild.
Handmade, Artisanal, Family Owned.
Vielleicht wollten die Menschen beim morgendlichen Duschen nicht an ihre Familien erinnert werden. Vielleicht war es genug, wenn ihnen der Tag im Büro oder in der Fabrik bevorstand, wenn ihre Frauen noch schliefen oder ihre Männer sich krank gemeldet hatten und sie beim Nachdenken über die Frage, für wen sie hier eigentlich duschten, dem warmen Wasser beim Verschwinden im Abfluss zusahen. Vielleicht war es das Schild, dachte Eugene. Vielleicht war alles so einfach. Im Rückspiegel sah er die Staubwolke, die der Camry aufwirbelte und dann beschleunigte er.
***
Kurz vor der Auktion des Hauses hatte Eugene einen Flohmarkt in seiner Einfahrt veranstaltet, um den restlichen Hausrat seiner Eltern loszuwerden. Nur die Bottiche und die Filteranlage zur Herstellung der Seife hatte er behalten und in einem Self-Storage untergebracht.
Alles zu Verkaufen, hatte er auf ein Schild geschrieben und einen halben Tag alles, was sich noch im Haus befand ins Freie geschafft. Den Rest des Tages hatte er gewartet. Zögerlich waren sie gekommen, zuerst die Nachbarn, dann Freunde seiner Eltern, denen er bescheid gegeben hatte. Die Bowermans von gegenüber machten den Anfang. Sie kauften Mums Porzellanservice und aus Anstand verzichteten sie darauf mit Eugene über den Preis zu verhandeln. „Ich habe das Service immer geliebt“, sagte Mrs. Bowerman und Eugene sagte: „Es ist gut bei euch aufgehoben, Nancy.“ Auch die anderen Besucher feilschten nicht, er nannte einen Preis, sie bezahlten ihn. Ein alter Freund seines Vaters war mit einer Zange gekommen, hatte alle Geräte um ihre Kupferkabel erleichtert und ihm trotzdem den vollen Preis bezahlt: „Ich werd den Kram schon los, Gene“, hatte er gesagt und Dads wertlose Stereoanlage in seinen Pickup geladen.
Am Abend hatte Eugene einen stattlichen Betrag beisammen und am nächsten Tag ließ er sich nach Eureka fahren, um sich nach einem neuen Wagen umzusehen. Es war ein älteres Model, 93er Jahrgang, aber der Verkäufer versicherte ihm, dass der Camry seine besten Tage noch vor sich habe. Eugene zahlte bar, ließ sich eine Quittung geben und der Verkäufer behielt recht. Das Fahrwerk lag gut auf der Straße, das Radio versagte nur in Tunneln und davon gab es in Oregon keine, ein paar in Kalifornien, aber inzwischen hatten sie dort Leitungen verlegt und der Empfang war zugegebenermaßen sogar besser als unter freiem Himmel.
***
Jetzt konnte er spüren, wie die Reifen auf dem Schotter schwammen und nach Halt suchten. Dann endlich sah er den Ozean. Schwarz und ölig leckte er an den Felsen, die wie bösartige Geschwüre aus dem Wasser ragten. Kein Schiff war zu sehen, auch keine entfernten Lichter am Horizont und sein Fuß lag schwer auf dem Gaspedal.
Als der Camry die Leitplanke durchbrach, die die Piste von den geheimen Routen der Tiere abgrenzte, brach das Dickicht wie ein Unwetter über die Windschutzscheibe herein. Er dachte an seinen Vater, der seine Haare immer pomadisiert wie ein Schauspieler getragen hatte, was seiner Mutter und auch Eugene gefallen hatte, als er noch klein war. Blätter und Zweige verfingen sich in den Lamellen der Scheibenwischer, dann wurden sie nacheinander fortgerissen. Es wurde erst still, als der Camry über den Rand der Klippe schoß. Die ausgehängten Räder drehten sich geräuschlos in der Luft, bevor der Motor noch einmal aufheulte und zu stottern begann, als Eugene das Gaspedal voll durchdrückte. Im Mondschein trennte der Horizont den Himmel ordentlich vom Pazifik und der Camry fiel langsam aufs Meer hinab. Eugene schloß die Augen und lächelte und im nächsten Moment zerriss ihn die Gewalt des Aufpralls, ohne dass er noch einen klaren Gedanken an seine Mutter hätte fassen können. Durch die berstenden Fenster drangen Salzwasser und Glassplitter herein, im Kofferraum quoll Schaum aus den Kartons und es schäumte und schäumte und schäumte und hörte nicht auf.
Mein Vater hat einen Irrtum begangen. Meine Mutter sprach ständig von einem Irrtum, dem selben Irrtum, dem auch schon sein Vater aufgesessen war und viele Großväter zuvor. Vielleicht liegt es in der Familie, hat sie gesagt. Vielleicht ist das die Erklärung für Alles, habe ich gedacht. Ich war klein, als ein Knall durch das Haus schnitt und im Garten unseren Buchsbaum erzittern ließ, als hätte er alles mit eigenen Ohren gehört. Und jetzt denke ich an meinen Vater und starre durch das trapezförmige Cockpitfenster meines Raumschiffs ins All.
Irrtümer sind auf der Erde nichts Ungewöhnliches. Zum Beispiel reden sie alle von der atemberaubenden Schönheit des Weltalls, doch ich erkenne um mich herum nichts als lächerliche Finsternis. Und wie erbärmlich sich der fahle Schein der Sterne davor abzeichnet. Mein Raumschiff gleitet durch einen bis zur Unendlichkeit ausgedehnten Witz, der von der Erde aus unsichtbar ist. Aber das habe ich ihnen natürlich nicht gesagt, denn sonst säße ich nun gewiss nicht hier, mit dem Steuerknüppel fest in meiner Hand.
Ich glaube es hat ihnen imponiert, dass ich mir nicht viel aus ihren Wahrscheinlichkeiten mache. Sie haben betont, dass diese Mission etwas besonderes sei und die Chancen auf eine Rückkehr deswegen verschwindend gering. Sie nannten es eine Expedition und das gefiel mir. Ich müsse mich auf alle Eventualitäten einstellen, ging es weiter, es gäbe keine Garantie auf Rückkehr und von meinem Erfolg oder Misserfolg hinge einiges ab. Doch da hörte ich schon nicht mehr zu, denn ich war am Wort verschwindend hängen geblieben und drehte und wendete es wie einen heißen Stein. „Auf alle“, antwortete ich, denn von meinem Vater habe ich gelernt nichts auf Wahrscheinlichkeiten zu geben. Mathematik kommt mir vor wie ein Hindernis: Sie behauptet eine Ordnung, eine zwingende Notwendigkeit der Dinge, wo ich immer nur an meine Fähigkeit geglaubt habe, die Dinge so zu ordnen, wie ich es will.
Ich denke an meinen Vater und unseren Buchsbaum, den er zwei mal im Jahr und passend zur Jahreszeit in eine neue Form schnitt. Ich denke fest an ihn, an die Gartenschere, die beim Schneiden nach Schärfe klang und gleichzeitig nach seiner Liebe zu mir. Nicht von der Straße nämlich, nicht einmal aus dem Schlafzimmer meiner Eltern war der Buchsbaum zu sehen, sondern nur durch das Fenster meines Kinderzimmers. Nach Beendigung seiner Arbeit trat mein Vater immer ein paar Schritte zurück, peilte den Buchsbaum über die Spitze der Schere an und prüfte so auf mir unerklärliche Weise, ob ihm der Schnitt gelungen war oder nicht.
***
„Haben Sie uns auch wirklich verstanden? Sind Sie bereit dieses Risiko einzugehen?“, fragten sie mich Tag für Tag und es ging mir bald auf die Nerven. „Es ist unsere Bedingung für Ihre Teilnahme an dieser Mission.“ Aber ich blieb freundlich und nickte brav und das gefiel ihnen und auch den anderen gefiel es und so kam es, dass man mich auswählte und am letzten Tag vor meiner Abreise ins All sogar eine Parade organisiert. Vom Trainingsgelände des Astronautenprogramms ging es einmal durch die ganze Stadt bis zur Startrampe, wo mein Raumschiff schon auf mich wartete. Das Winken der Menschen machte mich für einen Moment sehr traurig, aber ich war ja schon traurig und müde und von meinem Irrtum würden mich auch die jubelnden Massen nicht mehr abbringen. Sie liebten mich, weil sie nichts von meinem Vater und seinem Irrtum und all den anderen Irrtümern meiner Familie wussten und nach dem Start meines Raumschiffs würden sie mich, so lange es ging, mit ihren Teleskopen auf meinem langen Flug durch die Finsternis verfolgen. Ganz offensichtlich log ich sie an, doch ich winkte und winkte und lächelte sogar und fühlte mich dennoch wie der letzte Mensch und nicht einmal schwitzen konnte ich, dabei stand die Hitze sengend und unerbittlich in der Luft.
Als mir endlich alle auf die Schulter geklopft hatten und ich durch die Schleuse ins Cockpit meines Raumschiffs gestiegen war, sah ich, dass sie auch meiner Bedingung nachgekommen waren. Am oberen Ende des Armaturenbrettes, über all den rätselhaften Monitoren, Zeigern und Hebeln hatte man eine geschlossene Schere montiert, deren Spitze genau mittig in das Cockpitfenster hineinragte und zu jeder Zeit exakt den Punkt anpeilte, auf den das Raumschiff zusteuerte. Ich verstand nichts von den Maschinen und Armaturen des Raumschiffs, doch das meiste geschah automatisch und ich musste nur dafür sorgen, dass die Warnleuchten aus blieben und sie taten es.
Angekommen im Orbit überfiel mich erneut eine kleine Panik und ich wollte das Raumschiff schon herumreißen, bis die Scherenspitze auf die Erde zeigte und ich dachte an Challenger, Columbia und Sojus 11 und dachte an schmelzende Körper zwischen Erde und All. Doch dann höre ich die Lautstärke der Abwesenheit meines Vaters, die als Knall durch unser Haus gepeitscht war, also lasse ich den Steuerknüppel in Frieden und über die Scherenspitze peile ich ins Nichts der Nacht. Manchmal treffe ich einen Stern, eine ferne Sonne und für einen Moment sehen sie aus, wie auf der Scherenspitze aufgespießt.
Doch die die Erde liegt hinter mir, ich begehe meinen Irrtum im Vakuum, ich hinterlasse keinen Knall. Ich schalte die Cockpitbeleuchtung aus und tippe eine irrwitzige Zahl in das Terminal zur Berechnung der Flugdistanz - ihre Teleskope reichen zwar weit, aber ich sitze auf genügend Treibstoff um vor ihren Blicken zu verschwinden. Ich nehme meinen Helm ab und drücke den Schalter der Luftschleuse. Ich höre wie die Luft langsam ins Vakuum entweicht und das Vakuum gleichermaßen zu mir hereindringt. Das Fehlen der Luft ersetzt die Luft und das Zischen des Ventils wird leiser. Ich schalte das Funkgerät aus und beobachte seine rote Kontrollleuchte, die rasch erlischt.
Und kurz bevor ich den Griff zur Beschleunigung nach vorne reiße, merke ich, dass sie sich in einem Punkt auf der Erde nicht geirrt haben. Die Stille im Weltraum ist kühl und kristallin und ja, so schön, wie man es auf der Erde kaum begreifen kann. Die Stille umschließt mich ganz und ich spüre ein Gefühl von Glück, wie es langsam in mir wächst und wie ich es lange vermisst habe. Mein Irrtum ist weiter nichts als still und so still, wie er bei meinem Vater nicht gewesen ist. Mein Vater, mit dem Lauf eines Gewehrs in seinem Mund, mit einem Zeh am Abzug und ich im Garten, in der Hand die Spitze der Schere statt Kimme und Korn. Sei vorsichtig, rief er durch das Fenster, sei bitte bitte vorsichtig und drückte ab.
Ich habe das Haus verlassen ohne Kontaktlinsen einzusetzen und sehe nun kaum ein Schild vor mir, würde keinen Bekannten erkennen, nicht A., nicht C., niemanden. Seltsam wie auch die anderen Sinne unter der Beeinträchtigung eines einzelnen leiden: Was ich sehe verschwimmt, was ich höre verschwimmt auch, selbst keiner Berührung kann ich mehr sicher sein. Dann das: Ich lese Philip Roth, den zweiten Band der Zuckerman-Romane. Gleich zu Beginn sitzt der Protagonist, ein neuerdings erfolgreicher jüdischer Schriftsteller aus New Jersey in einem Café und wird von einem Bewunderer angesprochen, der sich ihm mit einiger Unverschämtheit aufdrängt. Er selbst, Alvin Pepler, sei ja ebenfalls Schriftsteller und arbeite seit knapp zehn Jahren an seiner Autobiografie. Einzig ein Verlag fehle ihm noch, ob nicht Zuckerman… also nicht direkt, aber doch irgendwie… er habe schon Kontakt zu einem Musicalproduzenten am Broadway, doch er sei sich unsicher ob sein Leben als Musical einen Sinn ergäbe. Viel Roth-typisches Hin und Her, ein bisschen zu glatt vielleicht, ein bisschen zu perfekt, aber eben amerikanisch – das überzeugende Abbild einer nur in den Köpfen der Menschen existierenden Version von Amerika - so wie in meinem Kopf auch.
Ich lese also, während in mein eigenes Café ein Mann hereinkommt, leidender Ausdruck, aber nicht über das Maß verlebte Züge, er ist noch jung, spricht gebrochen Deutsch. Der Mann trägt einen orangenen Schuhkarton unter dem Arm und in der anderen Hand eine Art zusammengerolltes Poster, das er schwingt wie ein Schwert. Er kommt zu meinem Tisch und zeigt mir den Inhalt des Kartons: Etwa ein dutzend BluRay-Discs (Napoleon Dynamite, Titanic, alles wahllos) und außerdem eine Schatulle mit – ich kann es ohne Kontaktlinsen nicht näher bestimmen – einem Haufen unbeschriebener Postkarten darin. „Haben Sie Kinde'“, fragt er immer wieder, während er die Postkarten vor mir auffächert und ich nicht erkennen kann, was darauf abgebildet ist, „Haben Sie Kinde’?“. Scheinbar sieht er selbst schlecht, denn immer wieder die Frage, „Kinde’, Kinde’, Kinde’“ und immer meine Antwort: Nein, Nein, Nein. Ich gebe ihm schließlich 50 Cent und sage, dass ich an seinen Sachen kein Interesse habe. Plötzlich ist er sehr verärgert und sagt: „Was ist das? Ich brauch’ 2 Euro für eine Suppe, Suppe, Suppe, was soll das sein?“ Er wiegt die Münze und sie ist ihm ganz offensichtlich zu leicht, worauf hin ich mich entschuldige, ich sei ja selbst Student (eine schäbige Lüge in doppelter Hinsicht). Er geht noch mindestens drei Runden durch das Laidak, zeigt mir seine Ware noch ein weiteres Mal – er sagt, er habe das Zeug gefunden, ob ich Kinde’ habe, Kinde’,Kinde’, Kinde’. Und dann bricht völlig unvermittelt ein Tumult im rückwärtig gelegenen Raucherraum aus.
Zuerst ist nicht zu erkennen, was genau geschieht (Kontaktlinsen!), doch aus dem Gerangel löst sich irgendwann der Bettler, immer noch mit seinem orangenen Karton und seinem papiernen Schwert. Ein anderer Gast hat die Auseinandersetzung scheinbar begonnen, aus irgendeinem Grund hat er die nötige Autorität dazu, nden weder Gäste, noch die Leute hinter der Bar gehen dazwischen. Erst als der Bettler auf den Fußboden geworfen aufheult, rufen ein paar Leute (woher?), aber die Geräuschkulisse heizt die beiden nur noch mehr an. Sie stürzen sich auf einen Tisch, rollen darüber erneut auf den Boden, der Bettler beschimpft den Anderen, aber der hat ihn gut im Griff. Er ist immerhin aufgewärmt, der Bettler kam aus der sibirischen Kälte Berlins frisch herein und scheint von der Attacke ernsthaft überrascht, doch dann sagt der Gast, der losgeprügelt hat: „Du warst doch gestern schon hier und hast die Leute beleidigt, hau ab jetzt!“ Er sagt es wie als Erklärung, als bräuchte man dieses Hintergrundwissen um die Rechtmäßigkeit des Kampfes anzuerkennen und ich erkenne sie gerne an. Irgendwann lösen sich beide aus ihren Griffen und Verkeilungen und der Bettler verlässt mit seinen wenigen Habseligkeiten das Café. Draußen auf dem Boddinplatz glühen die bunten Hausfassaden in der Wintersonne. Der Angreifer verlässt das Café kurz danach ebenfalls, kommt aber eine halbe Stunde später mit dem Schuhkarton des Bettlers zurück und stellt ihn in einem Nebenraum ab. In einem ähnlichen Schritt wie der Bettler verlässt er das Laidak wieder und auch mich treibt der Hunger bald hinaus in Kälte.
Zuckerman und sein Bewunderer verlassen ihrerseits ihr Café und weil er ihn nicht los wird, laufen sie bis zu seiner Wohnung Ecke Sixty-Second und Madison Avenue und vermutlich bittet er ihn noch hoch auf einen Kaffee.